Rechentechnik im Zentralinstitut für Arbeitsmedizin in Berlin - ZAM

Im ehemaligen Zentralinstitut für Arbeitsmedizin der DDR, das sich in Berlin in der Nöldner Straße befand (heute hat dort die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin ihren Standort in Berlin), wurde für Forschung und Statistik schon früh Rechentechnik benötigt. Neben Forschungsprojekten wurden hier auch wertvolle Statistiken der in der DDR durchgeführten (und landesweit standardisiert dokumentierten) Arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt.

Ich kam mit Herrn Udo Erdmann in Kontakt, der im ZAM langjährig als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig war. Er gibt ein sehr anschauliches und lebendiges Bild über die Anwendung von Computern in einem medizinischen Institut zu DDR-Zeiten. Er berichtet von den Anfängen in den 70-er Jahren und wie es zum Ende der 80-er vor und wärend der Wende noch einmal richtig turbulent um die Rechentechnik wurde.

Hier kommt die ganze Geschichte:

"Anfangs war das ZAM noch recht dürftig mit eigener EDV ausgestattet. Große statistische Auswertungen ließ man im Job-Betrieb auf ESER-Anlagen in verschiedenen Rechenzentren laufen.

In den frühen Siebzigern sind wir an ein Exemplar des ungarischen TPA-i gekommen (ein Nachbau einer DEC PDP-8) Hersteller war das ungarische Kernforschungs-Institut KFKI. Gut mit Prozessperipherie ausgestattet (CAMAC - eine Gemeinschaftsentwicklung europäischer Kernforschungszentren), war damit erstmals offline Signalverarbeitung (vom Band) möglich.

Als Datenspeicher wurden ausschließlich Lochbänder genutzt. Der TPAi hatte als Peripherie einen Fernschreiber (Teletype), Lochbandleser (1000 Z/s), Lochbandstanzer (hier zu sehen) und einen Matrixdrucker (SD1156). Bemerkenswert waren zwei fest verbaute Magnetfolienspeicherlaufwerke. Die Magnetfolien - ähnlich dem "Innenleben" einer Floppy - nur wesentlich größer (ca. 12") liefen mit hoher Drehzahl. Dadurch bildete sich ein Luftpolster zwischen Magnetschicht und den fest stehenden Schreib-/Leseköpfen (spiralförmig angeordnet). Kleiner Nachteil - die übliche Zeit zum "Warmlaufen" betrug etwa 20 Minuten."

Bild oben: Dr. Dieter Bräuer am TPAi, der Anfang der 70-er Jahre mit Fernschreiber programmiert wurde. Ein wichtiger Grund für die Anschaffung der TPAi war die enge Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften der DDR, hier hatten sich bereits mehrere TPAi bewährt.

"Später, so um 1980 herum, gab es als Ersatz für den Konsolen-Fernschreiber ein Bildschirmterminal von Videoton VT340 (80 x 24 Zeichen). Damit wurde das Editieren von Quelltexten erstmals richtig luxuriös. Vorher die Quälerei mit kommando-orientierten Zeileneditoren - ging halt nicht anders mit Fernschreibern - war nun full screen edit möglich. Programmiert wurde in FOKAL und in BASIC (unter OS/8).

Etwa Mitte der Achtziger bekamen wir eine russische SM4 (Nachbau der DEC PDP-11). Die Technik war in vier Gestellschränken untergebracht. Die Bildschirmterminals hatten kyrillische Tastaturen. Als Betriebssystem kam RSX11 zur Anwendung.

Wir hatten noch einen ungarischen Rechner von Videoton: VT20 - eigentlich als Videoterminal verkauft. Im Inneren ein Z80 auf einer riesigen Platine mit allem drum und dran. Als "Massenspeicher" waren zwei riesige 8 Zoll Laufwerke verbaut. Dazu gab es als Peripherie einen Lochbandleser und Stanzer und einen Drucker. Übrigens konnte man damals im Möbelkaufhaus am Alexanderplatz etliche bestaunen. Damit wurden nicht vorhandene Möbel verkauft.

Bild: Udo Erdmann am TPAi mit Bildschirmterminal

Ansonsten war an fertige Bürocomputer von Robotron zu der Zeit im Bereich der Medizin nicht zu denken. Das war wohl volkswirtschaftlich nicht bedeutend genug und so recht bestand auch wenig Bedarf. Unsere Sekretärinnen schrieben leidenschaftlich gern auf ihren elektrischen Schreibmaschinen.

So um 1982 bin ich als erster im ZAM an Robotron K1520 Technik herangekommen. Innerhalb eines Forschungsprojektes stand die Aufgabe aus analogen Messgrößen atemzugsweise die Sauerstoffaufnahme zu berechnen. Alles was wir brauchten, wurde überwiegend aus Robotron Baugruppen (OEM) zusammengesetzt. Eine wichtige Komponente, die Robotron nicht im Programm hatte, war ein Analog-Digitalwandler, mit dem analoge Signale digitalisiert werden konnten. Innerhalb der Akademie der Wissenschaften gab es einen Bereich wissenschaftlichen Gerätebau, der zu dem Zeitpunkt eine K1520-kompatible Leiterplatte entwickelt hatte. Kernstück war ein monolithischer AD-Wandler AD571 mit 10bit Auflösung (Westimport). Auf diesem Weg kamen wir an eine Leiterkarte, die wir dann selbst bestückten.

Als Massenspeicher diente ein Doppelmagnetbandlaufwerk K5221 für Digitalkassetten. Vernünftige Treiber für das Gerät hatten wir nicht. Ich hatte das große Glück auf Manfred K. zu treffen. Der hatte in Budapest studiert und beste Kontakte zum KFKI. Die Ungarn hatten damals den besseren Draht zu westlicher Technologie und Software. Und sie machten im Gegensatz zu Robotron auch keine Verrenkungen das zu kaschieren. Manfred hatte die Quellen von CP/M aus Ungarn mitgebracht und war in der Lage, angepasste Versionen zu compilieren. Eine Glanzleistung von ihm, die Kassettenlaufwerke Disketten-like einzubinden. Damit lief auch jegliche Software, die für CP/M geschrieben wurde. Z.B. WordStar in vollem Funktionsumfang!

Diskettenlaufwerke waren Anfang der 80er in der DDR noch so etwas wie Mondstaub. Für nicht priorisierte OEM-Kunden wie uns war ein offizieller Bezug von Robotron nicht möglich. Über den "kurzen Dienstweg" konnte ich zwei Laufwerke beziehen. Das waren noch nicht die TEAC-Nachbauten, die später üblich waren, sondern eine wirkliche Eigenentwicklung vom Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx Stadt (MFS 1.2) - leider waren sie sehr unzuverlässig. Kurze Zeit später bin ich auch an zwei TEAC Laufwerke gekommen (sogar die Originale - aus dem Überbrückungsimport). Disketten waren ein ewiger Mangel. Wer Verwandtschaft im Westen hatte, war gut dran.

DFÜ Anwendungen gab es bis zur Wende in unserem Institut nicht, wir schmorten im eigenen Saft. Ebenso war Rechnervernetzung kein Thema - abgesehen von Kopplung über serielle Schnittstellen in wenigen Fällen.

Was die Software betrifft: Ich selbst war "Pascaller" von der ersten Stunde an. Das oben beschriebene System zur Registrierung der Sauerstoffaufnahme wurde zunächst in BASIC realisiert. Kurz nach Erscheinen der ersten Version von TurboPascal für CP/M habe ich alles "umgeschrieben". Eine deutliche Steigerung der Verarbeitungsgeschwindigkeit und natürlich ein gewaltiger Komfortgewinn für den Programmierer. Borland hat damals Maßstäbe gesetzt. Bei Pascal bin ich auch bis zuletzt geblieben. Ein Stück weit Faulheit, aber im Laufe der Jahre ist mein "Handwerkskasten" gut angewachsen. Vieles mit BP unter DOS, weil die Sachen immer Millisekunden genau sein mussten (psychophysiologische Tests). Später in Delphi, was aber auf Pascal fußt. Einige Sachen in C, aber nur wenn es nicht anders ging.

So um 1988 herum sind wir zu unserem ersten XT gekommen. Eine atemberaubend hohe Summe DDR-Mark im An-und-Verkauf am Rosenthaler Platz über den Tresen (im Hinterzimmer) gereicht und XT im Kofferraum vom Trabbi verstaut. Obwohl ganz offiziell mit dem "Segen von oben", eine abenteuerliche Geschichte. Wir waren scharf auf Westtechnik. Dabei war es noch nicht mal ein Original IBM, sondern X-beliebiger Klone. Ein gutes Geschäft für den, der das Ding von Westberlin rüber gebracht hatte...

Es war auch die Zeit, wo eine stürmische Entwicklung einsetzte, verglichen mit der eher behäbigen Situation Anfang bis Mitte der achtziger Jahre. Einige Kollegen hatten mir über die Schulter geschaut und aus OEM-Teilen ebenfalls Rechner gebastelt. Überwiegend zur Messwertverarbeitung, aber "Bürokram" (z.B. Publikationen) ging immer nebenbei mit durch. Das waren insgesamt vielleicht eine Handvoll Installationen. Einige Kollegen hatten privat in "Westtechnik" investiert. Ein Sinclair ZX Spectrum wurde stolz präsentiert. Ebenso ein Commodore C64.

Im Koppelgeschäft mit importierter Laboranalysetechnik tauchte ein Z80 Rechner holländischer Bauart auf. Das ZLM (Zentrallabor für Messtechnik) hatte einen MC80 angeschafft. Zu einem importierten hydraulischen Schwingtisch (SCHENCK) gab es einen Steuerrechner von General Automation mit edler Peripherie. Ein Lear Siegler Terminal ADM3A und einen DECwriter LA36.

Und dann der Clou: In einer "Geheimoperation" war plötzlich ein AT286 da. Die DDR hatte in großem Stil ein CAD System eingekauft. Wie und warum auch immer ist so ein Ding bei uns angelangt. Hoch geheim und keiner sollte etwas davon erfahren. Extra dafür wurde ein Raum frei geräumt. Der Einblick von außen durch einen Sichtschutz hinter der Tür versperrt. Mit dem CAD-System konnte bei uns keiner was anfangen. Die Software weder Caddy noch Autocad ein Exot. Zum SW-Monitor zusätzlich ein professioneller Farbmonitor (CONRAC), der aber nur unter der CAD Software ansteuerbar war. Ein Grafiktablett von Calcomp und das edelste Teil, ein Plotter von Houston Instruments. Nachdem sich einige Wochen später der Bohai um die Geheimhaltung gelegt hatte, gingen der Monitor, das Tablett und der Plotter in unsere Abteilung in "Dauer-Leihe". Computern in Farbe an einer CGA-Grafikkarte (nun ja, eher in bunt). Mit Harvard Graphics ließen sich mit dem Plotter wunderbare Charts tuschen. Kurz vor der Wende hatten wir auch unseren "eigenen" AT mit EGA-Monitor (schon deutlich bunter als CGA).

Im Jahr 1990 wird es dann richtig unübersichtlich. Jeder hatte zumindest was von Robotron zu stehen, wenn nicht gar was aus dem Westen.

Meine Geschichte im ZAM macht 1991 für zwei Jahre Pause. JAEGER in Würzburg gab mir Lohn und Brot in der Entwicklungsabteilung. Mai 1993 gab es für mich ein come back in der BAfAM die heute BAuA heißt.

Aber das ist eine andere und lange Geschichte und eine schöne. Nur nicht mehr so interessant für eine Website, die sich mit Technikgeschichte befasst."


Vielen Dank an Udo Erdmann, Gerhard Menzel und Dr. Dieter Bräuer für die Unterstützung bei dieser Seite!


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